Mit dem Tod in der Cordillera

Begegnungen über 4000 Metern. Über die Wucht des Schicksals in den peruanischen Anden. Und über die Unfähigkeit, es zu ändern.

Heute ist Tag vier. Die Anzahl der Menschen, die uns seit Tag eins begegnet sind, kann ich an beiden Händen abzählen. Nazario war der Erste. Im Bus, auf dessen Rückbank wir uns die Glieder verrenkten, konnte Nazario aufrecht stehen. Der grobe Wollpullover war viel zu groß für seinen zierlichen Körper. Sein Gesicht war von der Sonne gegerbt, der Blick klar. Mit der Rechten stützte Nazario sich an der unverkleideten Innenwand ab, während wir uns gemächlich, Steine und Ziegen umrundend, die Anden hochschraubten. Keine noch so spitze Kurve konnte Nazario überraschen, er kannte sie alle.

Seit 20 Jahren, sagte Nazario, fuhr er nun schon von Cajacay, einem kleinen Dorf inden peruanischen Anden, nach Llamac, ein noch kleineres Dorf und sein Geburtsort. In Cajcay lädt Nazario seit jeher Touristen ein, in Pacllón Waren. Etwa die drei Stellagen Inka-Cola und die sechs Packungen Klopapier, die bei jeder Wegbiegung quer durch den Bus rutschten. Die Waren lud Nazario in Llamac aus. Uns beide, die einzigen Gringos, brachte er gegen ein kleines Trinkgeld nach Cuartelhain. Dann deutete er seiner Rechten vage Richtung Bergkamm.

No les preocupen,
sagte Nazario.

Hier startete unser Trek. Trotz Nazarios beruhigender Worte, ein bisschen Sorge hatte ich doch. Unser Weg sollte mich und meinen Freund eine Woche durch die Cordillera Huayhuash führen. Zwischen Kühen, Mulis und Lamas, an Gletschern und Seen vorbei, über Bergkämme auf 5000 Metern Höhe. Durch eine wilde Welt, Tageswanderungen von Arztpraxen, Supermärkten, gereinigtem Trinkwasser entfernt. Es war Ende Februar. Die Zeit, in der die Cordillera den Einheimischen gehört, es zu kalt ist um geführte Wanderungen durchzuführen. In hundert Kilometer Umkreis waren wir die einzigen Touristen.

Auf unserem ersten Abschnitt sahen wir nichts, außer viel Geröll. Erst am Abend, als die Wolken träge den Gipfel des Rondoy, diesem Koloss von einem Berg, umschwammen, fanden sie uns. Es waren Vater und Sohn. Beide trugen kniehohe Gummistiefeln und Jogginghosen. Wir schnauften uns die Anstrengung aus den Gliedern. Als sie sich uns gegenüber setzten, fand ich kaum Luft in meinen Lungen. Doch, so schien es, brauchte man auf diesen Höhen ohnehin kaum Worte.

Huayhuash?
fragte der Vater

Siete días?

Sin guía?

sagten wir

Der Vater nickte wissend, während er an uns vorbeisah, den Blick zum Berggipfel gerichtet, hinter dem langsam die Sonne unterging. Er zog einen Block aus der Hosentasche, riss einen zerknitterten Zettel ab, schrieb etwas darauf. Eine Rechnung über 70 Soles Wegegeld. Ein paar Scheine wechselten den Besitzer. Dann stapften zwei Paar Gummistiefel gemächlich von uns fort durch das feuchte Gras. Irgendwo außer Sichtweite musste ihre Hütte stehen. Jetzt im Herbst, wenn kaum Touristen Geld über die Berge tragen, musste das Leben hier so rau sein wie der Wind, dachte ich mir, als ich mich im Schlafsack einmummelte.

Tag zwei führte mir vor Augen, was es heißt Tourist zu sein. Wir genossen die Weite, die Abgeschiedenheit, die Wildheit der Anden. Bald würden wir in unser bequemes Leben zurückkehren. Für die nächsten, die wir trafen, war die Wildheit ihr Leben. Tag für Tag rangen sie der Natur ihre Lebensgrundlage ab. Es waren ein Mann und eine Frau. Er sah uns, als wir bis zu den Waden im warmen Wasser durch das Moor stapften. Die Lagune Carhuacocha war über die Ufer getreten und hatte das flache Talbecken mit einer feinen Wasserschicht überzogen. Dem dutzend Pferde und Mulis, die am Ufer grasten, schien das Wasser nichts auszumachen. Dem Mann ebensowenig. Er trug robuste Gummistiefel, Lederhut und Overall. In unseren Wanderstiefeln schmatze das Wasser bei jeden Schritt. Ob es einen trockenen Weg gab? Wir fanden ihn jedenfalls nicht. Der Mann winkte uns zu sich.

Quieren trucha?
rief er

entgegneten wir
Ven!
rief er

Forelle klang gut. Und so kamen wir mit.

Der Mann wies uns an Platz zu nehmen und rief nach seiner Frau. Hier, eingebettet zwischen See und Gletscher, lag das, was das Paar zuhause nannte. Drei steinerne, reetbedeckte Hütten. Eine war verfallen. Eine war zum Schlafen. Aus ihr kam nun eine Frau mit klaren Augen, Gummistiefeln an den Füßen, der schlanke Körper umspielt von einem bodenlangen Rock. Sie trug vier kleine, schimmernde Forellen in der Hand. Die dritte Hütte war zum Kochen. In diese verschwand die Frau für einige Zeit. Dann kam sie mit zwei Tellern zurück, auf jedem zwei knusprig-braune Forellen und zwei grünlich-schimmernde Kartoffeln. Braune, feine Haare bedeckten die Pferdedecken, auf denen wir saßen. Sie fühlten sich angenehm warm an.

Wir aßen, verscheuchten die kleinen, verfilzten Hunde, die sich die Lefzen leckten. Dabei beobachteten den Mann, wie er ein junges Muli einfing. Er band es an einem hölzernen Pflock an und versuchte behutsam, eine der groben Decken auf seinen Rücken zu legen. In ein paar Monaten würde er aus dem Jährling ein Reittier gemacht haben. Die Fische schmeckten herrlich. Die Kartoffeln waren mehlig und trocken. Sie wuchsen in der trockenen Erde, hier auf über viertausend Meter Höhe. Am gegenüberliegenden Hang standen die Pflänzchen in einem Dutzend akkurat angelegten Reihen.

Criollos, Forellen, Kartoffeln. Das war, was hier lebte und das war, wovon das Paar lebte. Wir bezahlten unser Mahl, rieben uns die Bäuche, bedankten uns, stapften weiter, durch das Moor, der eisigen Gletscherluft und unserem Lagerplatz entgegen.

In der Nacht des zweiten Tages ließ uns der Gletscher keine Ruhe. Jedes Mal, wenn ein Stück Eis knarzte, dann in die Tiefe stürzte, und im Wasser der Lagune aufschlug, schien es mir, als passiere dies eine Handbreit von meinem Ohr entfernt. Der Mensch, so heißt es, gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Aber auch an die Gefahr, an die Naturgewalten. An die Wucht eines Gletschersturzes? Ob er sich, hört man ihn nur oft genug, anhört wie der Wind, wie Straßenlärm oder Taubengeschrei? Nicht mehr bedrohlich, eher beruhigend und vertraut. Und ob man dann tief schlafen kann und ausgeruht erwacht? Als ich da so lag, nur von der durchfeuchteten Zeltwand von den Naturgewalten abgeschirmt, kamen mir diese Überlegungen wie Wunschdenken vor.

Am Morgen des dritten Tages hallten die Gletscherstürze in meinen Hirnwindungen nach. Der Regen trommelte, vom Zeltdach tropfte Wasser auf unsere Schlafsäcke. Wir stiegen in unsere klamme Kleidung, packten das Zelt und machten uns auf den Weg. Am dritten Tag wartete der Paso Siula, mit seinen 4890 Metern darauf, überwunden zu werden. Wir kämpften uns die Schottermassen hinauf. Jeder Meter eine kleine Überwindung, bei jedem Schritt das Schmatzen der nassen Socken in den feuchten Stiefeln. Kaum war das Zelt am Lagerplatz aufgestellt, verschanzten wir uns. Tag drei waren es nur das Prasseln des Regens und wir.

Heute ist Tag vier. Die Berge um mich sind in unwirkliches Licht getaucht. Ein Zauber in dieser wilden, rauen Welt. Er schafft es nicht, meine Stimmung zu heben. Tag vier ist ein Trauertag. Tag vier begann prachtvoll. Als die Sonne auf zwölf Uhr stand, hatten wir schon den ersten Pass erklommen. Wir belohnten uns mit Nüssen und trockenen Müsliriegeln. Die Natur belohnte uns mit Sonne und der Unwirklichkeit der peruanischen Anden. Mir saß die Vorfreude im Bauch. Heute war es warm. Heute würden wir das Zelt neben heißen Quellen aufschlagen. Das erste Mal seit fünf Tagen würden wir uns waschen. Die Vorstellung allein war eine Verheißung.

Als wir die Plastikverpackungen der Müsliriegel in unsere Hosentaschen stopften, überholten sie uns. Eine Familie auf einem braunen, muskulösen Wallach. Vater und Mutter. An ihrem Rücken, in einem bunt gestreiften, groben Tragetuch festgemacht, abgeschirmt vom Wind, ein vierjähriges Mädchen. Seine Backen rot, die Pupillen vor Neugierde geweitet. Die Mutter wendete ihren Blick schüchtern gegen Boden. Der Vater strahlte uns an.

De que país?
fragte der Vater
Austria
Oh, Australia
er nickte wissend
No, Austria
Ah, Austria

Er lächelte das höfliche Lächeln der Uneingeweihten
Al lado de Alemania
Ah, Alemania

Er nickte zufrieden. Deutschland, schien es, kannte man auch hier.

A las aguas calientes?
fragte er

Der Vater lächelte wissend. Sonntags, so schien es, hatten nicht nur wir, sondern auch die Einheimischen gute Laune. Sonntag war Waschtag. Die Familie ritt zu den heißen Quellen. Wir
brauchten länger. Über sumpfige Inseln aus giftgrünem Moos balancierend wanderten wir dem Lago
Viconga entgegen. Als er am Horizont auftauchte, diese stechend blaue Fläche, mutete er fast wie eine Fata Morgana an. Hier aus dem Nirgendwo entsprang also das Wasser, das in der Millionenmetropole Lima in die Duschwannen fließt. Am flachen Ufer des Sees graste eine Herde Lamas. Weiße flauschige Jungtiere lagen träge im Gras. Hinter ihren wuchsen die Berge in den Himmel. Die Sonne erhellte das Gletschereis. Das Weiß stach in den Augen. Ich mochte kaum hinsehen. Das war Peru, wie man es aus Reisekatalogen kennt. Eine Postkartenidylle.

Entzückt, wie eine Westlerin nur sein kann, trottete ich den schmalen Pfad neben der Lagune entlang. Das Bellen der Hunde in der Ferne war zu vernachlässigen. Das Trappeln von Hufen hinter uns, das unvermittelt lauter wurde, zwang uns zu handeln. Wir sprangen zur Seite, den Hang hinauf. Sekunden später trabten sie vorbei. Ein Junge, kaum zehn Jahre alt, saß ohne Sattel auf dem Rücken eines braunen Wallachs. Das Tier schnaufte durch die Nüstern. Der Junge stieß das atemlose Schluchzen eines Kindes aus seiner Kehle. Mit den ledernen Zügeln holte er aus, und ließ sie mit der Kraft eines Halbstarken auf sein Tier nieder. Ein Luftzug, ein Schluchzen, dann waren die beiden vorbei.

Que pasó?
rufe ich hinterher
Muerto!
presst der Junge hervor

Dann verschwanden Pferd und Reiter im Stechtrab aus unserem Blickfeld. Minuten später, wir begannen den Abstieg ins Tal, sahen wir sie wieder. Das Pferd stand auf einem Felsvorsprung. Der Junge zusammengesunken auf seinem Rücken. Sein Schluchzen war lauter. Wir näherten uns langsam.

Hola nino, que pasó?
Geräuschvoll schluchzte der Junge auf
Te podemos ayudar?
Der Junge atmete hektisch. Ich stellte mich an die Flanke des Pferdes und strich über das seidige Fell.

Que pasó?
Mi…papá…esta muerto

presste er unter zwei kurzen Atemzügen hervor. Seine Augen waren rot, die Backen roter. Da war viel Staub in seinem kleinen Gesicht. Die schweren Tränen hatten ihn zur Seite gespült und konturlose Flecken freigewaschen. Sie zogen sich von den Augenhöhlen bis unters Kinn. Bei jedem Atemzug vibrierte der zierliche Körper. Ich fühlte ein Zittern unter meiner Hand, als ich über seinen Rücken strich. Was sollte ich sonst tun? Auch die schwarze Trainingsjacke war von einer Schicht dünnen Staubes überzogen. Wie reagierte man auf das Leid eines anderen? Hilflos strich ich weiter, den Hals des Pferdes, den Rücken des Jungen entlang. Das Schluchzen, es wurde kaum leiser.

No pasa nada
sagte ich hilflos

Was für eine leere, dumme Aussage. Die Worte einer Unwissenden. Es wird schon nichts passieren? Nicht nichts, das genaue Gegenteil ist diesem Kind passiert. Hier in der Abgelegenheit der Corriela Huayhuash, in dieser rauen, unwegsamen Welt, hier wo man jedes seiner Tiere mit Argusaugen hüten und dem Boden ein bisschen Fruchtbarkeit abringen muss, ist gerade alles passiert. Hier ist ein Vater gestorben. Ein Vorbild. Ein Ernährer. Einer, der unersetzlich ist.

Adónde vas?
frage ich den Jungen
A mi tio
presst er hervor
Vamos contigo, vale? Vamos todos juntos. Donde esta tu tio?

Mit aller Kraft zeigte der Junge ins Tal. Sein zitternder Finger deutet auf einen blauen Punkt. Was sollen wir tun? Der Junge schluchzt. Wie versteinert standen wir neben dem Jungen und seinem Pferd und sehen den Punkt zu, wie er größer wurde. Mit großen Schritten kämpfte sich da jemand den steinigen Hang hinauf. Dann stürzt ein schlanker Mann in Trainingshosen auf uns zu.

Que pasó?
brüllt der Onkel
Esta muerto!
schluchzt sein Neffe

Das Pferd schien verstanden zu haben. Es machte keinen Schritt von der Stelle. Auch nicht, als der
Onkel die Arme um den Jungen schlang und aus seiner Kehle der Laut der puren Verzweiflung dringt. Ein Schluchzen, in dem die Schwere der Welt liegt. Eine Tonne Schmerz komprimiert in einen Laut. Ich wandte den Blick ab. Tränen verschwammen vor meinen Augen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war nutzlos, ich war starr, ich war Geröll. Der Mann schwang sich auf den Pferderücken, den Jungen vor sich, in der Hand die Zügelenden, die er auf die Pferdeflanken niederließ. Dann waren sie fort.

Mechanisch setzte ich einen Schritt vor den anderen, stieg ins Tal ab. Mich überrollte das menschlichste, doch vielleicht das sinnloseste aller menschlichen Gefühle: Mitleid. Was sollten wir schon tun? Der Boden verschwamm vor meinem Blick. Die beiden Gestalten, die uns entgegen den Berg hinaufstürzten bemerke ich erst, als sie schon fast vor mir standen. Ich sah in das Gesicht einer stämmigen Frau mit schweren schwarzen Zöpfen. In ihren Augen standen Tränen. In meinen auch.Sie verstand. Dann rannte sie weiter. Zur Totenwache?

Tag vier ist bald vorbei. Unweit von hier, in einer spartanischen, steinernen Hütte wütet die Trauer und reißt der Tod Löcher in Existenzen. Ich bewege meine Füße durch das warme Thermalwasser. Algenpartikel spielen um meine Zehen. Das kitzelt, aber angenehm. Die Sonne verschwindet hinter dem Gletscher. Das ist schön. Es zu genießen fühlt sich zynisch an. Heute ist Tag vier. Wir sind hier bald wieder weg. Das harte Leben hier in der Cordillera Huayhuash geht weiter.

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