Ein Stammesführer will seine Fotos zurück

Wem gehören die Fotos die wir auf unseren Reisen machen? Denen, die drauf zu sehen sind sagt Amado Villafaña Chaparro.

Abends in der Siedlung Kutunzama. Die Leinwand, eine leichte Bambuskonstruktion, wirkt verloren zwischen Lehmhäusern und Urwaldfauna. Hier, auf einer Lichtung in der kolumbianischen Sierra Nevada de Santa Marta, sitzen die Mitglieder der Arhuaco-Gemeinschaft auf Plastikstühlen und schleifen ihre Poroporos, Gefäße aus Kürbissen, in denen Kokablätter zerstampft werden und die zugleich ein Symbol sind für den Eintritt in das Erwachsenenalter. Der Projektor lässt schwarz-weiße Schatten über ihre Gesichter und weißen Überkleider wandern. Heute sehen die Arhuacos einen Film über die „Exoten“, die „Wilden.“ Bilder gedreht von einem schwedischen Ethnografen, vor fast hundert Jahren. Heute sehen die Arhuacos zum ersten Mal, wie die Welt sie lange gesehen hat.

Der Mamu mit der Kamera

Abspann des Films „Wási“. Ich sitze in einem Kino im neunten Wiener Gemeindebezirk. Mit im Raum die Frage: „Wem gehören die Bilder, die Reisende von anderen Kulturen machen?“ Die Geschichte um die Bilder der Arhuacos beginnt im 19. Jahrhundert, als die kolumbianische Regierung katholischen Missionaren zwei Drittel des Landes zugesteht. Die Hoffnung: sie mögen die Indigenen zivilisieren. Auf dem Boden der Arhuacos errichten die Kapuziner ein Waisenhaus, entführen Kinder, stecken sie in Ordensgewand und verbieten ihnen ihre Sprache. Auch Erwachsenen schneiden sie die Haare, die Arhuacos traditionell lang tragen. Es sind brutale Szenen, konserviert durch die Reisekamera des Ethnografen Gustaf Bolinder. Der Schwede ist im Jahr 1920 zum zweiten Mal in der Sierra Nevada als das Foto „Missionary in the Ijca village of Pauruba“ schießt. Es zeigt einen Arhuaco-Mann auf dem Dorfplatz, umringt von Männern im Anzug. Während er barfuß auf einem Stuhl sitzt, den Blick zu Boden gerichtet, schneidet ihm ein Meszito die Haare und raubt ihm im Auftrag der Kapuziner einen Teil seiner Identität. Fünf Jahre danach, zurück in Schweden wird Bolinder sein Buch „Die Indianer der tropischen Schneegebirge“ publizieren – und damit seine Karriere weiter vorantreiben.

Filmemacher unter sich: Amado Villafaña Chaparro produziert Filme über seine Kultur. Sebastián Gómez Ruíz hat mit „Wási“ einen Film über Chaparro gedreht. © Sebastián Gómez Ruíz

Amado Villafaña Chaparro ist Protagonist von „Wási“ und selbst Filmemacher. Auf Youtube finde ich unzählige Videos. „Der indigene Kommunikator muss ein Vertrauter unseres Wissens sein,“ erklärt Chaparro in einem von ihnen der Welt, auf dem Kopf die traditionelle Kopfbedeckung der Arhuacos, um die Schultern eine Kameratasche. Chaparro ist wie schon seine Vorfahren ein Mamu, ein spiritueller Arhuaco-Führer. Filmemachen lernte er in den 2000ern an der Universidad Javerinana in Bogotá. Seitdem filmt und fotografiert er seine Kultur – und hat damit das Spiel umgedreht. Für seine dokumentarischen und essayistischen Werke verwendet er auch Material, das von „den Weißen“ gedreht wurde. Die Filme werden international auf Festivals gezeigt, auf youtube angeklickt, auf Social Media geteilt, geliked und kommentiert. Chaparro will seine Bilder zurück. Er will die Geschichte seines Stammes die geprägt ist von Fremdbestimmung selbst erzählen.

Mann mit Esel, Frau mit Kind

Ethnografische Fotografie ist ein „Instrument der Macht, mit dem Kolonialisten Menschen in eine Hierarchie einteilen, die weiße Dominanz legitimiert“, schreibt die kolumbianische Ethnologin Catalina Muñoz. „Gibt es das heute noch, Menschen, die Fotos von „Einheimischen“ veröffentlichen?“, frage ich mich. Die Antwort ist ja. Die Beschreibungen sind weniger wertend. Die Bilder zeigen heute vermehrt Alltagsszenen. Dennoch: Hundert Jahre nach Bolinder sind die Fotostrecken über die „Anderen“ nicht abgerissen, sondern explodiert. Heute sind es Reiseblogger, die durch die Fotos von anderen Menschen Aufmerksamkeit auf ihre selbst gestaltete Plattform ziehen – indem sie anhand ihrer eigenen Erfahrungen anderen die Welt erklären. Ihnen geht in vielen Fällen um eine der wichtigsten Ressourcen unserer Zeit: Klicks.

Ich finde Artikel aus der ganzen Welt. Sie heißen „The many faces of Ethiopia“, „People of India“ oder „The faces of Bolivia.“ Schnappschüsse von Touristen, aufgenommen zwischen Einkauf und Nachmittagsausflug. Bilder von Verkäufern, Schuhputzern und Taxifahrern. Dazwischen private Momente, knapp untertitelt mit „Child and mother in prayer“, „A little son of a coffee plantation owner“, „An old man going to church.“ Einheimische, viele so fotografiert, dass sie es nicht bemerkten. Unzählige Fotos zeigen auch Kinder, unter ein paar steht als Bildunterschrift im Blogartikel der Name.

Dazwischen immer wieder Portraits wie das eines Mannes in der marokkanischen Tondraschlucht. Den Blick nach unten gerichtet, die Wollmütze schief auf dem Kopf steht er neben seinem Esel, formt mit der rechten Hand ein Peace-Zeichen. Eine flüchtige Pose für die Touristen. Wie die Bekanntschaft der Reiseblogger heißt erfährt man nicht. „Mann mit Esel“ steht unter dem Beitrag. In einem Kommentar darunter freut sich eine Leserin „Wie sich die Menschen freuen würden, wenn Sie euren Blog mit sich drin sähen.“ Der „Mann mit Esel“ weiß wohl nicht, dass sein Foto in den Weiten des Internets kursiert. Beim nächsten Mal, antwortet die Bloggerin, werde sie ihm die Webadresse aufschreiben.

Darf man das?

Das Bild einer anderen Person ungefragt hochladen, ist das rechtlich erlaubt? „Im Einzelfall wägt man ab zwischen dem Interesse des Abgebildeten und der Freiheit der Kunst,“ erklärt mir Rechtsanwalt und Medienrechtsexperte Thomas Höhne. Laut Medienrechtsgesetz darf auf einem Blog alles publiziert werden, das nicht die Ehre oder die Privatsphäre von Personen verletzt. „Sind Blogger also Journalisten?“ frage ich. „Ja“, meint Höhne. Daran ändert auch nichts, dass vor allem professionelle Blogger Geld mit ihrem Blog verdienen – etwa durch Sponsoring, Kooperationen und Affiliate Links. Denn hier unterscheiden sie sich in keinster Weise von anderen, größeren Medien und Medienplattformen.

Die Interessen des Abgebildeten schützt in Österreich der Bildnisschutz. Verletzt die Veröffentlichung diese hat der Abgebildete Anspruch auf Unterlassung, Löschung, Urteilsveröffentlichung oder Schadensersatz. Da schwer zu beurteilen ist, ob die Veröffentlichung jemanden verletzt, „sollte in jedem Fall die Zustimmung der Abgebildeten/des Abgebildeten eingeholt werden“, schreibt die österreichische Bundesverwaltung. Einem indischen Taxifahrer oder einem kolumbianischen Saftverkäufer hilft das wenig. Selbst wenn der Blog in Österreich registriert ist – wollen sie ihr Bild löschen lassen, müssen sie sich auf das Recht ihres Staates berufen.

Ihre Gesichter, unser Content?

Ein Blog will regelmäßig gefüttert werden, soll er Profit abwerfen. Die Rechnung ist simpel: Mehr Klicks, Shares und Comments heißt mehr Traffic, ergo mehr Attraktivität für Werbekunden. Es ließe sich argumentieren, dass „People of“ Beiträge  guter Content sind. Sie erfordern keine Recherche, nur die Bearbeitung der Bilder und das Schreiben eines kurzen Untertitels. So entsteht schnelle ein Beitrag der menschelt. Einzelne Fotos werden für Posts auf Social Media Plattformen wiederverwendet. Gesichter, besonders welche von Kinder sind eyecatcher, werden angeklickt, geteilt oder kommentiert.  Das Schwierige dabei: Die Menschen, deren Gesicht das Fleisch des Artikels ist werden  bekommen den Blog vielleicht nie zu Gesicht.

Die Arhuacos sahen ihre Fotos erst nach sechzig Jahren. Ein Ethnologe machte sie ausfindig und schickte sie einem Stammesoberhaupt. Heute hängen zwei Reproduktionen, für alle Stammesmitglieder zugänglich an den Wänden eines strohbedeckten Hauses in Nabusimake, dem spirituellen Zentrum der Arhuacos.

„Die Bilder gehören zu unserem Land. Unsere Großväter haben dafür gekämpft“

lässt Chaparro, das „Gesicht der Arhuacos“ die Welt via youtube wissen. Für ihn sind seine Fotos und Filme kein Content, sondern ein spiritueller Dienst an der Gemeinschaft. Sich das zu vergegenwärtigen, bevor man das nächste Mal auf Reisen die Kamera zückt, kann in keinem Falle schaden.

 

Mehr erfahren:

Die Bilder, die Gustaf Bolinder von den Arhuacos gemacht hat, kann man im Weltkulturmuseum in Göteborg oder in der Online-Datenbank des Museums ansehen.

Mehr Filme von und mit Amado Villafaña Chaparro findet man auf dem Youtube-Kanal seines Fotografie-Kollektivs Realizaciones Yosokwi.

Dank geht an Catalina Muñoz für die Zuverfügungstellung ihres wissenschaftlichen Artikels „Moving pictures: Memory and photography among the Arhuaco of the Sierra Nevada de Santa Marta, Colombia“

Weiterlesen:
Der Blog Reisefotografie interkulturell beschäftigt sich damit, ob und wie Fotografieren zum Medium des Kontakts mit „dem Fremden“ werden kann.

 

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