Tee, Blut und der König – Aïd al Adha in Marokko

Wir haben das muslimische Opferfest Aïd al Adha bei einer marokkanischen Familie in einem Riad verbracht. Dort haben wir Tee getrunken, Innereien am Boden und den König im Fernsehen gesehen. Und Marokko ein kleines bisschen mehr verstanden.

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Am Vorabend wird in der Medina von Rabat noch gehandelt. Am nächsten Tag ist dieser Platz menschenleer.

Am 11. September 2016 blöken die Schafsböcke noch. Am nächsten Tag ist es still und riecht nach verbranntem Horn. An diesem Tag beginnt Aïd al Adha, der höchste muslimische Feiertag. In Rabat sind am ersten Tag der Feierlichkeiten die Straßen leer. In Marokko, einem Land in dem 99% der Bevölkerung dem muslimischen Glauben angehören, sammelt sich die Familie um zu feiern. Für die Männer ist es eine Gelegenheit, ihren edelsten Kaftan aus dem Schrank zu holen. Unser Gastgeber hat sich für Jeans und T-Shirt entschieden. Saad ist 25 Jahre alt und Obmann der studentischen Austauschorganisation. Mit ihm und seiner Familie dürfen wir das Opferfest verbringen.

Schafe Rabat Marokko Aid

Schaf auf Auto Rabat Marokko
Die Widder werden durch Rabats Innenstadt transportiert. Links im Bild eine der modern gestalteten Straßenbahnhaltestellen.

Der Vortag: Männer laden Widder auf Pick-Ups oder verstauen sie im Kofferraum. Jede Familie, die es sich leisten kann kauft sich ein Tier. Diese werden, manchmal Tage vor dem Fest Voraus auf den flachen Dächern, in Garagen oder, falls es an beiden mangelt, im Haus gehalten. Auch der Widder von Saads Familie kaut friedlich an seinem Heu am Dach des Mehrparteienhauses. Nur wenige Stunden später wird es knapp 15 Kilometer entfernt geschlachtet werden.

Das Schlachten der Widder geht auf die Opferung Isaaks zurück, die sowohl im Koran als auch im Alten Testament erzählt wird. Ibrahim (im christlichen Glauben: Abraham) beweist in dieser Geschichte seinen Glauben an Allah indem er bereit ist seinen jüngsten Sohn, Ismael (Isaak) zu opfern. Allah sieht Ibrahims Ergebenheit und gebot ihm Einhalt. „Und wir lösten ihn durch ein gewaltiges Schlachtopfer aus“, heißt es in Sure 37.

Ein Juwel in der Medina

„Ihr seid die ersten Ausländer, die ich mitnehme“, sagt Saad als wir vor der Tür eines unscheinbaren Hauses in Salé warten. Die Tür geht auf, dahinter stehen aufgereiht Mutter, Tante und Cousine, die unsere Gastgeschenke entgegen- und uns mit offenen Armen aufnehmen. „Ruht euch vor dem Essen noch aus“, sagt Saads Mutter. Von innen ist der Riad eindrucksvoll, vier Räume gehen von dem Innenhof ab, die Wände von dreien verstellen Sofas. Wir nehmen Platz, bewacht von einem Foto von Saads Großtante, die den Riad ihrem Sohn vererbte.

Dass ein Riad in Familienbesitz ist, ist eine Rarität. Die Vielzahl der „Stadtpaläste“ in den marokkanischen Altstädten wurden von ausländischen Investoren aufgekauft. Diese wandeln sie in  Maisons d’hôtes um, und verkaufen oder vermieten sie weiter. Aufenthaltsräume wie jener, in dem wir sitzen werden zu Spas. „Eine echte, authentische Erfahrung im Herzen der Medina“, preisen sie Buchungsportale an. Die Familie will ihren Riad in Salé behalten. Hier wird gewohnt, gekocht, gegessen und – an Aïd al Adha – geschlachtet.

In einem der Wohnzimmer des Riad wird die Erinnerung an die Inhaberin des Hauses, Saads Großtante, hochgehalten.

Royales Schlachten

Saads Mutter und Tante bereiten das Essen zu. Die Jungen der Familie entspannen im Innenhof. „Wir rasten, danach schlachten wir, dann essen wir und dann rasten wir wieder.“ Saad erklärt den Ablauf des Nachmittags während er auf sein Smartpohne blickt.  „Eid Mubarak Said“ tippt er. Über Whatsapp schickt er seinen Freunden Fotos vom Widder, der bald geschlachtet werden wird. Fast, als würde er ein Foto seines Christbaums versenden.

Bevor der Widder von Saads Familie geschlachtet wird, versammeln sich alle vor dem Fernseher. Auf dem Staatssender 2M TV sieht man den König Mohammed VI. betend in der Ahl Fes Moschee. Marokko ist eine nominelle konstitutionelle Monarchie, König Mohammed VI. das politische und religiöse Oberhaupt. In dieser Funktion begeht er Ṣalāh al-‚Eid, das traditionelle Aïd Gebet.

Nach dem Gebet tritt Mohammed VI. in den Innenhof, in dem zwei Widder warten. „Einen für seine Familie, einen fürs Volk“, erklärt Saad. Der König bekommt ein Messer in die Hand, vor ihm fixieren Männer die zwei Tiere. Mohammed VI sticht das Messer in die Kehle des Widders, doch nicht tief genug. Das Tier zuckt, Saads Cousine hält sich die Hände vors Gesicht. Nach einigen Sekunden beendet ein Helfer das Leid des Tieres. „Bei uns kommt der Schlachter“, beruhigt unser Gastgeber.

Ein Schnitt und ein Festmahl

Wir steigen auf das blutrot ausgemalte Dach des Riad. Hinter uns folgt der Schlachter. Die Damen der Familie ziehen es vor, nicht zuzusehen. Auch wir bleiben hinter einer kleinen Mauer stehen, während der Schlachter das Tier fixiert. Traditionell setzt der Älteste der Familie den Schnitt. Saads Vater macht es kurz und präzise. Das Tier zuckt kurz, dann ist es tot.

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Der Schlachter hängt den Widder zum Ausbluten an einen Haken. Dann zerteilt er den ihn, entfernt zuerst den Kopf, dann das Fell und die Innereien. Das Herz wird zuerst gegessen. Saads Mutter und Tante waschen und zerschneiden es, der Vater grillt das Fleisch am Spieß. So werden Stück für Stück fast alle Innereien zubereitet. Wir sind Gäste, darum wird unser Angebot zur Mithilfe abgelehnt. Stattdessen bekommen wir marokkanischen Tee, Kekse und Obst. Dann werden Herz-Kebab, Leber-Kebab, Fladenbrot und Salat aufgetischt. Wir essen und plaudern mit Blick über die Dächerlandschaft von Sale.

Teekanne Sale Marokko

Ein Drittel für die Armen

Die Familie behält nur ein Drittel des Fleisches. „Einen Teil davon frieren wir ein und essen oft wochenlang daran,“ erklärt Saad. Das zweite Drittel des Fleisches geht an die entfernte Verwandschaft, das dritte bekommen die Bedürftigen. Es klingelt an der Tür. Zwei Jungen aus der Nachbarschaft holen den Kopf des Widders ab. Unweit des Friedhofes haben sie mit anderen einen Holzgrill aufgebaut. Auf ihm liegen fünf Widderköpfe. „Manchmal verkaufen sie die Knochen,“ erklärt Saad. Die Hitze sticht in den Augen. Der Geruch des verbrannten Felles brennt in der Nase. Rabat und Sale werden ihn noch Tage nach Aid al Adha nicht loswerden.

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Zurück im Riad ist es kühl. Nach dem Essen döst die Familie auf den Couches. Nun beginnt der angenehme Teil von Aid al Adha, das Entspannen im Kreis der Familie. Saads Mutter sieht uns unsere Müdigkeit an. „Ruht euch doch auch noch kurz aus“, sagt sie und lächelt.

Der Text entstand nach einem Marokko-Aufenthalt mit  AIESEC Rabat im September 2016.  Aus Respektgründen sind die Gastgeber nicht abgebildet.

 

 

 

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. marwamin sagt:

    Hallo, echt schade, dass so viele Riads gar nicht mehr wirklich bewohnt sind. Ist in Marrakesch ja auch nicht anders. Ich finde diese Bauweise einzigartig und superschön. Ach wenn es im Winter ganz schön ziehen kann. Aber der ist ja nicht lang ;-). Viele Grüße

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    1. Hallo! Auf jeden Fall, dort herrscht eine ganz eigene Stimmung! 🙂 Aber im Winter – kann ich mir gut vorstellen, dass es etwas frostig wird!

      Ich frage mich, ob die Touristen sich dessen bewusst sind, wenn sie sich in einem „authentischen Riad“ einmieten, der eigentlich einem Nicht-Marokkaner gehört. Zur Gentrifizierung in Marrakesch habe ich eine Studie gefunden, falls dich das interessiert: http://bit.ly/2GVCv5Z

      Alles Liebe,
      Laura

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      1. marwamin sagt:

        Super, klar interessiert mich das. Ganz liebes Dankeschön. Würde mich freuen, wenn Du mir Bescheid gibst, falls Dir zu dem Thema im großen mehr über den Weg läuft.
        Bei coursera.org gibt es einen spannenden Online-Vorlesung über afrikanische Städte bzgl. Wachstum, Armut, …. Leider nur 4Wochen. Wenn man kein Zertifikat will, kann man den gratis gucken

        Gefällt 1 Person

      2. Mach ich gerne wenn ich etwas Interessantes finde! 🙂 Spitze, danke für den Tipp!

        Gefällt mir

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