Am Dach Marokkos – Besteigung des Jebel Toubkal

 

4.167 Meter der Jebel Toubkal hoch. Ich bin auf Nordafrikas höchsten Berg geklettert. Es war anstrengend. Und du solltet es auch tun! Eine Geschichte mit Berbern, Herzklopfen, Mars und Mulis.

Marrakesch ist die am stärksten touristisch erschlossenste Stadt Marokkos und über Direktflüge von Europa aus direkt zu erreichen. Reiseanbieter preisen die „Perle des Südens“ farbenfroh an. Prospekte sind voller Angebote für Marrakesch-Wochentrips inklusive Golfanlage, Wellnessbereich und Schlangenshows am Djemaa El-Fna. Wie einem ein Land so unkompliziert auf dem Silbertablett serviert wird könnte man fast vergessen, dass Marokko doch mehr ist als nur der „Orient“. Denn unweit von Marrakesch lockt im Hohen Atlas mit dem Jebel Toubkal der höchste Gipfel Nordafrikas und mit seiner Besteigung ein kleiner Einblick in die Welt der Berber.

Die Kultur der Berber

Heute kann man Imlil, den Startpunkt der meisten Treks von Marrakesch mit dem Taxi erreichen und sich dort mit allem eindecken, was man für eine Wanderung braucht – über Süßigkeiten bis zu Outdoorausrüstung kann man alles vor Ort kaufen. Vor hundert Jahren war die Welt im Atlas eine andere. Als die Franzosen in den 1920er Jahren im Zuge der „Pazifizierung“ in Marokko Straßen und Zugverbindungen errichteten, waren die Lebensweise im Hohen Atlas feudal geprägt und die Hauptpässe von drei Klans kontrolliert. Es dauerte von Beginn des französischen Protektorates weitere 13 Jahre bis die Zentralregierung ihre Kontrolle über das Gebiet geltend machen konnte. Dies ist wohl einer der Hauptgründe, warum die Kultur der Berber sich so essentiell von der in den Städten unterscheidet.

Zwei Wanderer in den marokkanischen Bergen
Blick auf das Bergdorf Armed. Rechts im Bild stapeln sich Apfelkisten.

Im Hohen Atlas spricht man Taschelhit, Französisch und Englisch – die Berber sind bekannt für ihr Sprachtalent und ihre Offenheit. Selbst im Bergdorf Armed fand sich jemand, der uns freudig auf Englisch den Weg zu einer Unterkunft wies. Diese Offenheit macht unseren Trip dann noch zu einer echten Kulturreise. Dies ist einerseits der Gastfreundschaft der Berber geschuldet. Andererseits ist das Vermieten von Unterkünften eine willkommene weitere Einnahmequelle in den rauhen Verhältnissen des Hohen Atlas.

Ihr Auskommen finden die Einwohner von Armed im Anbau von Obst, Nüssen und der Haltung von Ziegen. Die Produkte dürfen wir in unserer Gite, umschwirrt von den Enkeln des Besitzers Omar, gleich probieren. Dass dieser kein Englisch spricht ist für uns nebensächlich.

Von Mulis und Marsriegeln

Ich hatte die romantische Vorstellung einer einsamen Wanderung auf unerschlossenem Gelände. Anderthalb Stunden nach unserem Aufbruch passieren wir das Dörfchen Sidi Chamrouch, und ich werde eines besseren belehrt. Von den fünf Häusern sind 3 Cafés und Restaurants, in denen man sich auch mit Schokoriegeln und Limonaden eindecken kann.

Ich muss mich unweigerlich fragen, ob sich das Geschäft für die Einheimischen rechnet- schließlich wandern wir fast alleine. Überholt werden wir nur einmal von einem Tross an Mulis und lernen eine der wichtigsten Regeln des Hohen Atlas: Das Muli hat immer Vorfahrt! Die Tiere suchen sich, verfolgt von ihren Besitzern und schwer beladen ihren Weg durch die porösen Pfade. Irgendjemand muss schließlich Mars, Snickers und Co für die Wanderer auf den Berg transportieren.

Trekking Jebel Toubkal

„Kilimandscharo was nothing in comparison. We just had to carry our friend all the way down to the refuge. He passed out due to altitude sickness,“ erzählt mir ein englischer Wanderer. Ich sitze gerade vor dem Toubkal Refuge in der Sonne und habe Herzrasen. Nicht unbedingt das, was man vor der Besteigung seines ersten 4000ers hören will. Dennoch verbringen wir einen angenehmen Abend im Toubkal Refuge bei Tee und Kartenspielen mit anderen Wanderern aus Dänemark und Frankreich. Die Nummern der Bergrettung schreibe ich mir trotzdem vor dem Einschlafen in mein Notizbuch.

Der Aufstieg auf den Jebel Toubkal

Um 04:30 Uhr klingelt der Wecker, eine halbe Stunde später stehen wir bereit. Das Frühstück haben wir ausgelassen. Man hatte uns geraten möglichst früh aufzubrechen um den Sonnenaufgang am Gipfel zu erleben. Als wir erschöpft und frierend im Dunkeln stehen wird uns klar, dass wir einen dummen Fehler gemacht haben. In zwei Stunden 900 Höhenmeter bewältigen ist unmöglich. Außerdem sind wir vom Pfad abgekommen und müssen uns nun von Felsen zu Felsen voran hanteln. „Ein Königreich für einen Guide“ ist alles, das mir in den Sinn kommt.

Zum Glück wird es schnell hell und da wir keine Eile haben auf den Gipfel zu kommen kann ich die anstrengende Besteigung sogar genießen.  Ein Bein heben, schnaufen, Bein absetzen. Die dünne Luft auf über 4000 Metern erschwert das Wandern. Die phänomenale Aussicht und regelmäßige Pausen erleichtern den Trek aber ungemein. Nun merken wir auch, dass wir nicht alleine am Berg sind.

Regelmäßig werden wir von geführten Truppen überholt, für Gespräche sind aber alle zu erschöpft. Wir schleppen uns vorwärts, klettern über Steine und stapfen durch Schnee. Die dünne Höhenluft und die Kälte machen es schwer ein Gespräch zu führen oder Fotos zu machen.  Den Gedanken ans Umdrehen kann ich mit einem Bild bekämpfen: Ich am Schokokekse essend am Gipfel Nordafrikas. Nach gefühlten 5 und realen 2 1/2 Stunden erhaschen wir einen ersten Blick auf die Berglandschaft des Hohen Atlas.

Kekse am höchsten Berg Marokkos

Motiviert durch den unglaublichen Ausblick schlängeln wir uns die letzte Stunde vorbei an quengelnden Jugendlichen und motivierten Männergruppen. Der Gedanke an meine Kekse zaubert mir Euphorie in den Bauch und ein Lächeln auf die Lippen. Und dann ist er da – der Gipfel. Ungeachtet der Temperaturen um den Gefrierpunkt setze ich mich auf den Boden und genieße den Ausblick. Als sich auch noch ein Vogel neben mir auf einem Felsen niederlässt komme ich mir vor wie in einem Disneyfilm. Nach einer halben Stunde purer Euphorie ist es an der Zeit wieder abzusteigen.

Wanderung Jebel Toubkal
Innehalten und das Panorama des Atlas genießen – nur noch 30 Minuten bis zum Ziel!

Der Abstieg ist nichts im Vergleich zum Aufstieg. Meine Oberschenkel ziehen bei jedem Schritt und der poröse Untergrund erschwert den Halt noch zusätzlich. Wir brauchen, inklusive einem Stopp zum Mittagessen in der Hütte, fast den gesamten Tag zurück nach Armed. In unserer Unterkunft schaffe ich es nicht mich zum Spielen mit Omars Enkeln aufzuraffen. Als dieser uns einen riesigen Teller hausgemachten Couscous und Tee auf den Tisch stellt schlafen wir fast im Sitzen ein. Omar lächelt kurz und wünscht uns guten Appetit und eine erholsame Nacht. Für den Berberguide ist das Klettern im Hohen Atlas Alltag – für uns war es eines der Abenteuer unseres Lebens.

Die Besteigung des Jebel Toubkal ist ein wunderbares, anstrengendes aber definitiv nicht unmögliches Abenteuer. Was ihr beachten solltet:

Einkaufen in Armed, schlafen in Imlil. Armed bietet Einkaufsmöglichkeiten. Hier könnt ihr euch Wanderausrüstung mieten und Infos holen. Das Bergdorf Imlil ist nur einen kurzen Aufstieg entfernt. Hier ist es weniger touristisch und man kann gleich auf den Trek gelangen.

 

Homestays. Kein noch so fancy Hotel kann es mit einem hausgemachten Couscous aufnehmen. Die Übernachtung bei Omar und seiner Familie hat sich angefühlt, als wäre man bei Freunden zu Besuch. Diese Gastfreundschaft sichert einer Familie ihren Lebensunterhalt. Und eure Rucksäcke sind in guter Verwahrung, während ihr das Dach Marokkos erklimmt.

Nicht abschrecken lassen. Mich haben die Erzählungen der englischen Reisegruppe nervös gemacht. Darum macht euch klar: Jeder erlebt ein Bergabenteuer anders. Probiert einfach aus, wie es euch geht mit den Tagesetappen und der Höhe und lasst euch nicht stressen.

Nehmt einen Guide. Selbst, wenn ihr mit kleinem Budget reist. Der Tagessatz für einen Guide ist die beste Investition die ihr machen könnt. Die Menschen im Hohen Atlas leben zu einem Großteil vom Tourismus. Ein erfahrener Einheimischer hilft euch, die dummen Fehler zu vermeiden die ich gemacht habe. Er kennt sich aus was bei Höhenkrankheit zu tun ist. Und zudem bekommt ihr durch den persönlichen Kontakt einen eindrucksvollen Einblick in die Berberkultur. Erfahrende, einheimische Guides kann man in Imlil im Bureau des Guides oder spontan in den beiden Schutzhütten engagieren.

Nicht auf die Kekse vergessen! Oder auf andere schöne Kleinigkeiten die das Herz erfreuen. Schließlich müsst ihr euer Abenteuer und euch gebührend feiern!

 

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