Im Traktor von Spanien nach Marokko

Wie wird ein marokkanischer Erntehelfer in Spanien der Hauptcharakter eines Roadmovies? Ich habe mich mit Ernesto de Nova – dem Regiesseur von „El Rayo – Hassans Way“ über Reisen, Saisonarbeiter und Freundschaft unterhalten. Eine Filmempfehlung!

Nach Hause mit 20km/h – Die besondere Geschichte eines marokkanischen Saisonarbeiters

Marakkesch, die Sahara und der „Orient“ – Viele Europäer kennen Marokko vom Urlaub. Die Überfahrt von Tanger im Norden des Landes nach Tarifa in Spanien dauert nur eine knappe Stunde.

Dadurch bietet sich Marokko nicht nur als Destination für Tagestrips von Spanien an. Auch Spanien ist eine wichtige Destination als Arbeitsland für Marokkaner. Besonders der landwirtschaftliche Sektor bietet viele Arbeitsmöglichkeiten. Deshalb arbeiten viele zur Vielzahl männliche Marokkaner arbeiteten saisonal als Erntehelfer in den spanischen Küstengebieten. Und dies meist illegal und unter untragbaren Bedingungen.

Trotz der harten Arbeitsbedingungen liegt der Lohn weit über dem marokkanischen Durchschnitt. Und er hilft dabei, die Familie zu unterstützen. Abseits der Saison kehren viele Marokkaner in ihr Heimatland zurück um in den eigenen landwirtschaftlichen Betrieben mitzuarbeiten.

Vier Menschen auf einem Traktor
Arbeiter auf dem Heimweg vom Feld (Foto: Cinema Republic)

Diese zirkuläre Migration wird von der spanischen Wirtschaft begrüßt, da sie garantiert, dass die Arbeiter/innen nicht beschäftigungslos in Spanien aufhalten. Nun schreibt allerdings das Arbeitsabkommen zwischen Spanien und Marokko unter anderem vor, dass Marokkaner die nach Spanien wollen, dort einen Arbeitsvertrag haben müssen. Und sie verpflichten die Landarbeiter/innen dazu, nach der Saison in ihre Herkunftsländer zurückzukehren.

Auf in ein besseres Leben

Als die Finanzkrise bestimmte spanische Wirtschaftssektoren traf, bekamen dies auch die landwirtschaftlichen Arbeiter zu spüren. Von 2007 bis 2012 stieg der Arbeitslosenanteil marokkanischer Staatsbürger enorm. Mit dem Verlust ihrer Arbeitsstellen entschieden sich viele Arbeiter vollständig nach Marokko zurückzukehren, wo die Lebenshaltungskosten günstiger sind.

Mann und Traktor auf einer Straße
Hassan Berouda on the road irgendwo zwischen Spanien und Marokko. (Foto: Cinema Republic)

Hassan Berouda ist einer, der es getan hat. Nachdem er nach 13 Jahren seinen Job in Spanien verlor machte der Marokkaner den einzig logischen Schritt: Er kehrte zurück nach Hause. Doch die Art und Weise wie er dies machte sind alles andere als gewöhnlich. Hassan kaufte sich einen alten Traktor, restaurierte ihn so gut wie es ging und begab sich mit ihm auf die Reise. In einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20km/h.

Die Filmemacher Ernesto de Nova und Fran Arajuo stolperten über die Geschichte, da Hassan einen Traktor von Ernestos Tante kaufen wollte. Sie beschlossen, den Mann mit dem Traktor kennenzulernen. Nach dem ersten Treffen stand fest: Diese Geschichte muss in einen Film verwandelt werden. Und Hassan soll der Protagonist sein. Denn, so de Nova: „Wir haben uns sofort in ihn verliebt“.

„Wir haben uns in ihn verliebt“ – Interview mit Ernesto de Nova

Das sieht man dem Film an. El Rayo – Hassans Way transportiert unaufgeregt schwere Themen. Er handelt von der Lebenssituation migrantischer Arbeiter, Familienbande und die wirtschaftliche Situation Spaniens. Ein Film der uns lehrt bescheiden zu sein, und die Schönheit des Moments anzuerkennen und ein Aufruf mutig zu sein und der Güte Fremder zu vertrauen. Aber lassen wir den Erzähler zu Wort kommen. Ich durfte mit Ernesto de Nova sprechen und mehr über Entstehung und Hintergrund von El Rayo erfahren.

Sind die anderen Charaktere im Film Menschen, die Hassan auf seiner Reise kennengelernt hat?

Wir (Anm. Fran Arajuo) haben die Reise zweimal alleine und einmal mit Hassan unternommen. Das Drehbuch haben wir während der Reise verfasst. Eine Dinge sind erfunden, aber andere sind während dem Dreh passiert.

Kannst du mir ein Beispiel geben?

Einer meiner Lieblingscharaktere im Film ist der Mann, der Hassan auf dem Motorrad mitnimmt nachdem dessen Traktor liegen geblieben ist. Anfangs war nur geplant, dass er ihn zum Mechaniker bringt. Der Schauspieler hatte jedoch in der Nacht davor einen Herzinfarkt, weshalb wir unserem Produktionsteam sagten, dass wir jemand neuen auf einem Motorrad brauchen.

Und nach einer Stunde fanden wir tatsächlich jemanden. Während wir uns auf den Dreh vorbereiteten merkten wir schon, dass er und Hassan sich gut verstanden, also dachten wir: „Damit müssen wir arbeiten“ Also nahmen wir während ihrer Fahrt die Unterhaltung auf und beschlossen, nachdem wir sie angehört hatten, den beiden eine zweite Szene zusammen zu geben.

Wolltet ihr einen Film über Menschen in ländlichen Gebieten zu drehen? 

Ja, definitiv. Wir wollten die ländlichen Gebiete zeigen, Nebenstraßen, kleine Dörfer und Menschen, die auf den Feldern arbeiten. Die meisten spanischen Filme spielen in großen Städten, obwohl mehr Menschen auf dem Land leben. Unsere Motivation für den Film war, diesen Gebieten eine Stimme zu geben.

Hassans Geschichte ist die vieler nordafrikanischer Migranten, die aufgrund der schlechten Wirtschaftslage in ihre Heimatländer zurückkehren.

Hassan zu treffen gab uns die Möglichkeit vieles zu erzählen, das uns interessierte. In den großen spanischen Städten hat man ein schlechtes Bild von Migranten, aber in den Dörfern sind sie integriert. Auf unserer Reise mit Hassan wollten die Menschen ihm immer helfen. Diese Erfahrung ist echt. Wir haben einen fiktiven Film mit viel Realität gedreht, also können wir nichts anderes erzählen als die Wahrheit.

Wie hat Hassans Familie auf den Film reagiert?

Hassan selbst hat noch nie einen Film gesehen. Es fiel ihm schwer zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Er zwang uns echt zu sein. Nachdem er den Film gesehen hatte kritisierte er: „Dieses Dorf ist nicht nach jenem gekommen und dieses Geräusch konnte man dort nicht hören.“

Hassans Neffe und Bruder sahen den Film in Madrid und verließen weinend das Kino. Für sie war es sehr emotional. Wenn man auf diese Weise einen Film mit Menschen macht wird man Teil ihrer Geschichte. Ich habe eine persönliche Bindung zu Hassan. Ich liebe ihn. Ich hasse ihn. Er ist Teil der Familie. Allerdings ist es so schwer mit ihm in Kontakt zu bleiben, weil er nicht ans Telefon geht. Wir hatten beispielsweise 5 Monate lang keinen Kontakt und eines Tages rief er mich an und fragte: „Ernesto, wie geht es dir?“ Und ich antwortete: „Hassan, ich habe dich ungefähr tausend Mal angerufen!“

Wurde El Rayo in Marokko gezeigt?

Ja, aber leider konnten wir nicht an der Vorführung teilnehmen. Ich denke Marokkaner sehen die Geschichte anders. Ich denke, sie mögen es nicht, wenn Menschen das Land verlassen. Ich würde den Film so gerne in Marokko sehen, aber leider hatten wir noch nicht die Chance. Aber wir waren sehr überrascht, als wir ihn außerhalb Spaniens zeigten. Uns wurde klar, dass die Geschichte universell ist und Menschen sich wirklich mit Hassan identifizieren konnten. Die Geschichte ist eine spanische Geschichte, Hassan ist ein typischer spanischer Immigrant.

Das Interview wurde auf Englisch geführt und hier veröffentlicht.


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