Warum du (manchmal) daheim bleiben solltest

Manchmal will man nur so schnell wie möglich über alle Berge. Warum man bleiben sollte obwohl das Gras woanders grüner ist.

Warnung: Zu viel Wanderlust kann unzufrieden machen

Kennst du die die Geschichte „Oh, wie schön ist Panama“ des deutschen Kinderliteraten Janosch? Wenn nicht, dann kannst du hier noch einmal eine kurze Zusammenfassung lesen. Und vor allem, was diese Geschichte mit der Getriebenheit unserer Generation zu tun hat.

Protagonisten sind der kleine Bär und der kleine Tiger, die zusammen in einer Hütte neben einem Fluss leben. Eines Tages fischt der kleine Bär eine hölzerne Box aus dem Fluss, auf der „Panama“ steht. Sofort beginnt er darüber zu fantasieren, dass Panama schöner, besser und größer als ihr kleines Zuhause sei. Also überzeugt er seinen Freund und die beiden machen sich voller Vorfreude auf den Weg.

Auf ihrer Reise treffen sie verschiedene Tiere, aber keines kann ihnen den Weg weisen und manche senden die beiden Freunde sogar in die falsche Richtung. Also laufen sie im Kreis, bis sie nach langer Zeit zu einer kleinen, wettergegerbten Hütte neben einem Fluss kommen. Der kleine Tiger und der kleine Bär erkennen nicht, dass sie wieder zurück daheim sind und sind glücklich endlich in Panama – dem Land ihrer Träume – zu sein.

Das Paradoxon der besten Option

Ich kann den kleinen Bären und den kleinen Tiger verstehen. Ich habe schon immer die Lust verspürt zu entdecken, was vielleicht irgendwo auf mich wartet. Daheim war grau und eng, woanders schienen Abenteuer auf mich zu warten. Und um herauszufinden was ich als erstes entdecken sollte, recherchierte ich. Während Lehreinheiten plante ich meine nächsten Abenteuer, stalkte die mit Reisebildern gefüllten Accounts von Instagrammern und der Katalog meines Lieblingsreiseanbieters wurde meine Gute-Nacht Lektüre.

Dieses eindrucksvolle Bild eines anderen Ortes fantasieren wir uns nicht nur selbst zusammen. Es gibt gesamte Wirtschaftszweige die durch die menschliche Entdeckungslust betrieben wird. Marketingstrategien, die diese Menschen zu den angebotenen Leistungen begleiten sollen. Reiseblogger und Fotografen, die ihr Geld durch Sponsorings von Fluglinien, Reiseanbietern, Hotels und Herstellern von Rucksäcken verdienen. Entdecken ist ein Lifestyle, den es gilt zu verfolgen.

Meine Auswahl an Orten, die ich bereisen musste stieg mit der Zeit die ich bei der Recherche verbrachte an. Wenn all jede Destinationen, über die ich gelesen hatte schon so verlockend sind würde ich bestimmt noch weitere finden. Ich drehte mich im Kreis ohne eine konkrete Entscheidung zu treffen und demnach eine Reise anzutreten. In den Worten des Psychologen Barry Schwartz: Ich litt ich an den psychischen Opportunitätskosten – jede Entscheidung für ein Reiseziel war auch die gegen andere.

Auch meine Liebsten bekamen meine  Getriebenheit zu spüren und rieten mir, mich einfach mal zu entspannen. Ich hätte doch schon so viel gesehen. Der Drang hörte trotzdem nicht auf und es geschah, was nicht zu vermeiden war: Ich übernahm mich. Ich war erschöpft und wollte den ganzen Tag nur im Bett verbringen. Alles um mich herum erschien mir öde, grau und anstrengend. Die Welt schien nicht mehr bunt und entdeckenswert.

Einfach mal daheim bleiben

Es ist einer der Fehler des Menschen, sich das Gras woanders immer grüner auszumalen. Das Leben kann unendlich langweilig und grau sein. Wären wir nur in einem anderen Land. Wie viel leichter wären die täglichen Herausforderungen, wie viel schöner unsere Umgebung, wie viel glücklicher wir selbst. Trotzdem mussten wir während unserer Reisen wohl alle mit uns selbst und der Welt hadern. Hie und da schleichen sich selbst auf Reisen die altbekannten Sorgen und Melancholie ein.

Doch wie nun diesen Stress umgehen? Wir sollten uns dazu zwingen, ab und an einen Schritt zurück zu machen und uns ins Gedächtnis rufen, dass sich auf den Weg zu begeben keine Antwort auf sämtliche Herausforderungen ist. Das wäre viel zu einfach und wir vergessen dabei die Komplexität der Welt und unserer eigenen Psyche. All das Suchen kann uns in einen Zustand der Apathie versetzen. Und Apathie ist das Gegenteil dessen, was wir wollen – nämlich entdecken.

Für uns Glückskinder, die das Geld und die Freiheit haben zu reisen, ist es ein unkonventioneller Schachzug, einfach mal an einem Ort zu bleiben. Und diesen sollten wir wagen und dabei das würdigen, was uns im Moment umgibt. Denn meist haben wir alles, das wir brauchen in Reichweite. Und genau das ist die Lektion, die der kleine Bär und der kleine Tiger gelernt haben.


Buchtipp:

  • Barry Schwartz: Anleitung zur Unzufriedenheit. Warum weniger glücklich macht.

Weiterlesen:

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